Mit dem Tele im Wald unterwegs

Herausforderung Wald

Im freien Gelände ist der Einsatz eines Teles bei der Landschaftsfotografie einfach: Es dient dazu, entfernte Gipfel und Landschaftsdetails näher heranzuholen. Im Wald müssen wir den Gebrauch ein wenig umdenken. Von den normalen menschlichen Sehgewohnheiten unterscheidet sich die Bildwirkung des Teleobjektivs deutlich. Sie müssen also versuchen, die Landschaft wie durch ein Teleobjektiv zu sehen, um die besonderen Motive zu entdecken. Im Wald geht es eher selten darum, über Kilometer entfernte Bildelemente nahe heranzuholen. Natürlich gibt es auch Ausnahmen: Wenn Sie zum Beispiel aus einem Nebelmeer ragende Baumwipfel fotografieren. Dann sind teilweise große Sichtentfernungen zu überwinden. Das entspricht dann dem klassischen Fotografieren mit einem Tele-Objektiv in der freien Landschaft. Doch im Wald sind die Anforderungen anders... Denn die Distanzen zwischen den Bäumen sind eher gering. Die Kunst dabei ist sich mit der langen Brennweite im Wald zurechtzufinden und trotz der vielen Motivebenen und dem beengten Raum spannende Ausschnitte zu finden. Bei Brennweiten jenseits von 70mm wird es schnell schwer die Szene von vorne bis hinten durchgehend scharf darzustellen. Je länger die Brennweite, desto schmaler ist die Schärfenebene in Abhängigkeit von der Blende. Selbst extremes Abblenden führt dann nicht zum Erfolg. Was aber nicht weiter schlimm ist, denn Schärfeverläufe und das gekonnte Spiel zwischen Unschärfe und Schärfe sind Stilmittel der Waldfotografie mit Teleobjektiven. Die Alternative für durchgehende Schärfe ist Focus Stacking, das Kombinieren von mehreren Aufnahmen mit unterschiedlichem Fokuspunkten im Postprocessing, so dass ein von vorne bis hinten scharfes Bild entsteht.

Aufgenommen mit 68mm Brennweite:

Löcher im Kronendach vermeiden

Subjektiv gesehen, ist das Fotografieren abstrakter Aufnahmen mit einem Teleobjektiv im Wald leichter als mit einem Weitwinkelobjektiv. Aus dem größeren Kontext herausgelöste Kompositionen von Mustern und Strukturen sind viel leichter möglich. Selbst formatfüllende Aufnahmen von einzelnen Baumstämmen wirken mit dem Tele gefälliger, da die Verzeichnung an den Rändern geringer ist. Aufch für Rindendetails oder Blätter ist es bei mir das Mittel der Wahl. Besondere Bedeutung haben längere Brennweiten, wenn es darum geht, die Bereiche im Blätterdach auszublenden, in denen der Himmel durchscheint. Diese hellen Stellen lenken im finalen Foto das Auge des Betrachters ab. Theoretisch könnten diese Lichtpunkte in der Bildbearbeitung relativ einfach weggestempelt werden – aber warum nicht gleich vor Ort Waldausschnitte fotografieren, die möglichst wenig störende Elemente enthalten? Gerade die ablenkenden Löcher im Kronendach, durch die der Himmel durchschneit können damit vermieden werden. 
Versuchen sie auch Waldwege und Pfade mit etwas längeren Brennweiten zu fotografieren. Durch die scheinbare Verdichtung durch den engen Bildwinkel gelingen interessante Effekte. Gerade bei derartigen Motiven kann ein zu weitwinklig dominant aufgenommener Schotterweg im Vordergrund ablenkend wirken. 
Das Zauberwort bei der Waldfotografie mit dem Tele heißt "Layers" - also Ebenen. Finden sie Motive und Durchblicke, die ähnlich einem Bühnenbild durch verschiedene Bildebenen gegliedert werden. Baumstämme, Äste, ein Bachlauf im Wald, unterschiedliche Bodenvegetation, moosbewachsene Felsen sind bei der Komposition hilfreich. Nebel und Dunst verstärken die Tiefenwirkung, da weiter entfernte Bildelemente blasser erscheinen. 

Aufgenommen mit 70mm Brennweite:

Technische Herausforderungen im düsteren Wald

Aufgrund des eher düsteren Ambientes in unseren Wäldern, reicht das Licht selten aus um mit den Telebrennweiten aus der Hand zu fotografieren. Es sei denn, Sie nehmen selbst mit Bildstabilisator hohe ISO-Werte und den bei Offenblende schmalen Schärfebereich in Kauf. Ich bin ein (weitgehend) überzeugter Stativfotograf und fotografiere mit Fern- oder Zeitauslöser und eher längeren Belichtungszeiten. Auch für die Wahl des Bildausschnitts ist ein Stativ optimal – gerade mit Telezooms ist die Motivfindung ein langsamer Annäherungsprozess, der meist erst nach einigen Aufnahmen zur optimalen Komposition führt. Der Wald will erst mit der langen Brennweite gelesen werden, bis seine visuelle Essenz verstanden wird. Ein Stativ hilft dabei. Normalerweise versuche ich den ISO Wert relativ niedrig zu halten. Nur wenn Wind Äste und Zweige zu sehr verwackelt und ich die Bewegung nicht als Stilmittel einsetzen möchte gehe ich mit den ISO Werten doch etwas höher, um die Belichtungszeiten möglichst kurz zu halten. Zuvor hatte ich ja noch geschrieben, dass ich mit dem Tele ein weitgehend überzeugter Stativfotograf bin. Das weitgehend bezieht sich darauf, dass am Ende einer langen Fotosession an einem Nebelmorgen die Sonne meist mit hellem Licht den Wald ausleuchtet. Der Nebel hat sich längst verflüchtigt, aber hier und da noch ein bisschen Dunst zu sehen ist. Für langwierige Stativkompositionen wechseln die Bedingungen jetzt zu schnell und vormittags ist es dann auch hell genug für verwacklungsfreie Aufnahmen von Hand. Die Faustformel für scharfe Bilder ist ein gut sitzender (Auto-)Fokus und eine Belichtungszeit kürzer als 1/Brennweite. Bei 200mm wären das eine Belichtungszeit von 1/200s. Bei Telebrennweiten würde ich aber tendenziell noch kürzer ansetzen also z.B. bei 200mm 1/400s. Hat ihr Objektiv dagegen einen integrierten Bildstabilisator, können Sie die Belichtungszeit aus der Hand auch länger wählen (bei 200mm z.B. 1/100s). Wenn nur noch ein bisschen Dunst im Wald zu sehen ist, muss es schnell gehen. Jetzt schlägt die Stunde der spontanten Motivjagd mit dem Teleobjektiv von Hand. Denn für einige Minuten kann mit dem engen Bildwinkel der langen Brennweiten noch die Restatmosphäre auf den Sensor gebannt werden. Verdichten Sie das Dickicht! 

Aufgenommen mit 155mm Brennweite:

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