Wundermittel Bildkomposition?
Laura Oppelt
22.12.2025 - vor 1 Woche
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Wir alle kennen es: manchmal stolpert man zufällig über ein Foto, das uns direkt in seinen Bann zieht und nicht mehr loslässt. Das Emotionen weckt und uns mitnimmt auf eine Reise, hin zu dem gezeigten Ort. Das uns eintauchen lässt in den Moment und dessen Geschichte wir gern auf den Grund gehen würden. Ganz gleich ob auf Social Media, in der Werbung oder beim Durchblättern einer Zeitschrift – wenn Bilder es schaffen, den Betrachtenden innehalten zu lassen, wurde hinter der Linse vieles richtig gemacht. Doch woran liegt es, dass uns manche Aufnahmen auf den ersten Blick fesseln, während wir bei anderen einfach weiterscrollen?
Bildaufbau in der Landschaftsfotografie: Mit Komposition zur Bildwirkung. Mehr als nur „Vordergrund macht Bild gesund“
Ein gutes Bild weckt Emotionen und lädt zum Verweilen ein. Neben Licht und Motiv spielt die Bildkomposition eine entscheidende Rolle.
Was lässt ein Foto außergewöhnlich werden?
Natürlich ist es zum einen das Licht und die auf den ersten Blick ersichtliche Bildstimmung: ist es hell oder dunkel, sind die Farben knallig bunt oder eher sanft und matt, wie ist das Wetter? Ebenso spielt das abgebildete Motiv selbst eine Rolle: spricht es uns optisch an, haben wir dazu eine Verbindung im weiteren Sinne oder kennen wir den gezeigten Ort vielleicht sogar persönlich? Neben diesen Punkten ist es aber auch die Bildgestaltung bzw. Komposition, die eine Aufnahme besonders, gar einzigartig werden lässt. Eine individuelle Impression von einem bestimmten Ort zu erschaffen und sich damit von anderen möglicherweise bereits existierenden Fotos abzuheben – das ist der Anspruch oder das Ziel vieler Fotograf:innen. Nun stellt sich die Frage: Wie gelingt das am besten?
Ob du gerade neu mit der Landschaftsfotografie begonnen hast, bereits etwas fortgeschritten oder gar Expert:in bist, spielt dabei keine Rolle, denn Kreativität und ein Blick für Harmonie ist losgelöst von der Zeit und Erfahrung, die bereits mit der Kamera verbracht bzw. gesammelt wurde. Doch zurück zur zuvor gestellten Frage: Eine universelle und für jede Situation gültige Antwort darauf wird es – Trommelwirbel – vermutlich gar nicht geben. Denn Komposition ist keine one-fits-all Schablone, die sich auf jedes Bild übertragen lässt. Besonders in der oftmals chaotisch wirkenden Natur wäre das auch gar nicht möglich und auf Dauer außerdem zu einfach bzw. langweilig. Dennoch finden sich ein paar erlernbare Techniken und Ansätze, die dabei helfen, eine Aufnahme spannend und ansprechend zu gestalten. Hier möchte ich ein paar Anstöße und Inspirationen geben, an die du dich vielleicht beim nächsten Mal draußen im Feld erinnerst.
Mit oder ohne? Die Rolle des Stativs
Häufig beobachte ich auf meinen Workshops Teilnehmende, die als erste Handlung vor Ort das Stativ aufbauen, die Kamera daraufsetzen und sich damit auf die Suche nach interessanten Motiven begeben. Meine erste Empfehlung lautet dann standardmäßig, zunächst einmal nur mit dem Live View der Kamera oder gar dem Smartphone zu beginnen. So entkommt man eher der Angewohnheit, auf Augenhöhenlevel zu bleiben und ist freier für Kompositionen auf anderen Ebenen. Ein Stativ verkompliziert die Sache oft unnötig und anstatt flexibel nach spannenden Perspektiven Ausschau halten zu können, bindet man sich selbst einen Klotz ans Bein, der bei gutem Licht im ungünstigsten Fall auch noch wertvolle Zeit kostet. Wer den Ort erst einmal auf sich wirken lässt und nach Details in der Landschaft sucht, die interessant wirken und die man gerne in seine Aufnahme einbinden möchte, kann durch den Live View oder die Handykamera testen, ob die Idee auf dem Bildschirm gut aussieht bzw. überhaupt realisierbar ist. Wenn das der Fall ist, kann das Stativ zum Einsatz kommen und passend aufgebaut werden.
Stativ und Landschaftsfotograf:in sind häufig unzertrennlich. Gerade bei der Suche nach spannenden Perspektiven lohnt es sich allerdings, flexibel zu sein und das Smartphone oder den Live View der Kamera zu nutzen.
Vordergrund macht Bild gesund – was hat es damit auf sich?
In diesem wahrscheinlich schon einmal gehörten Satz steckt für mich ein Fünkchen Wahrheit, denn in der Tat lässt ein Element im Vordergrund die Aufnahme einerseits interessanter wirken, andererseits erzeugt es Tiefe im Bild. Wichtig ist es, ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Vorder-, Mittel- und Hintergrund zu schaffen, das Schlüsselwort lautet also ‚Balance‘. Denn ein Vordergrund alleine kann auch deplatziert und zusammenhangslos wirken. Erst in Kombination mit dem Gesamtbild wird seine volle Wirkung entfaltet. Dabei ist der Kreativität keine Grenzen gesetzt, vorausgesetzt das Angebot vor Ort lässt dies zu. Passend angeordnete Steine oder Felsen eignen sich ebenso wie Wurzeln und Blätter oder Blumen und Sträucher. Auch sich bewegende Elemente wie Strömungsmuster im Fluss oder Wellen im Meer ergeben interessante und vor allem dynamische Vordergründe. Häufig lohnt es sich, nahe am Boden zu arbeiten und den kleinen Dingen Bedeutung beizumessen, um sie größer wirken zu lassen und mit dem Hintergrund in Einklang zu bringen. Um durchgängige Schärfe zu erzielen, empfiehlt es sich sehr, die Technik des ‚Focus Stackings‘ anzuwenden, wobei mehrere Aufnahmen mit Verschiebung des Fokuspunkts in der Nachbearbeitung, etwa Photoshop oder Helicon Focus, kombiniert werden.
Ein guter Vordergrund weckt Interesse, ohne vom Gesamtgeschehen im Bild abzulenken. Hier zu sehen: Blühende Blumen auf Madeira, gefrorene Strukturen auf den Lofoten, Felsen auf Menorca.
Führungslinien richtig anordnen
Ein Bild wirkt oft dann nachhaltig auf uns, wenn wir uns in die Szenerie hineingezogen fühlen und die 2D-Ebene verlassen, als wären wir ein Teil des Geschehens. Dies kann mithilfe von günstig angelegten Führungslinien gelingen, die den Eindruck vermitteln, ins Bild hineinzuleiten. Eine Platzierung dieser aus den Ecken heraus funktioniert dabei sehr gut.
Um Führungslinien möglichst effektiv als Gestaltungsmittel zu nutzen, kann es hilfreich sein, in der Kamera Hilfslinien für einen diagonalen bzw. X-förmigen Bildaufbau zu aktivieren. Doch die sogenannten „Leading Lines“ eignen sich nicht nur, um den Blick ins Bild hineinzuführen, sondern auch, wenn es darum geht, das zentrale Element zu betonen. Je mehr Linien aus verschiedenen Richtungen auf das Motiv hindeuten, desto mehr Bedeutung wird ihm beigemessen.
Natürliche Rahmen beim Fotografieren nutzen
Ein weiteres Stilmittel für effektvolle Landschaftsaufnahmen ist die Gestaltung mithilfe eines natürlichen ‚Framings‘. Dieses schafft einen Kontext zwischen Motiv und Umgebung, bindet eine weitere Ebene in den Aufbau mit ein und führt das Auge direkt ins Geschehen. Gut geeignet sind zum Beispiel Felsen sowie Äste und Wurzeln von Bäumen.
Auch für diese Art der Komposition ist es oft hilfreich, nicht auf Augenhöhe zu suchen, sondern sein Hauptmotiv aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, bevor man sich an die Kamera macht. Gerade am Anfang kommt vielleicht das Gefühl auf, dass alles etwas chaotisch erscheint und es Zeit braucht, alle Elemente zu sortieren. Wer auf eine ausgewogene Balance achtet und sich Zeit zum Üben gibt, wird diese Gestaltungstechnik sehr schnell zu schätzen wissen.
Identifikationsfiguren im Bild
Ein weiteres Element, das einer Landschaftsaufnahme Anziehung und einen kleinen Wow-Effekt verleiht, ist eine Person im Bild, die sowohl als Größenvergleich als auch als Identifikationsfigur dienen kann. Dabei reicht es zumeist schon, einen Menschen klein im Mittel- oder Hintergrund zu platzieren und durch die Distanz dennoch Nähe zu schaffen: beim Betrachten fragen wir uns vielleicht, was die Person im Bild fühlt oder denkt, oder wie sie dorthin gekommen ist. Oder wir wünschen uns, anstelle der/des Fremden selbst gerade dort in der Szene stehen zu können. Es werden also Emotionen geweckt und die Fantasie angeregt. Schon in der Epoche der Romantik war diese Technik in der Malerei sehr beliebt und Aufnahmen à la „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich erlangten weltweite Beachtung. Die Idee ist die gleiche: Sehnsucht erwecken, vielleicht auch etwas Geheimnisvolles kreieren, eine Verbindung zum Betrachtenden schaffen.
In der Gestaltung ergibt sich so die Herausforderung, die Person an einem Punkt im Bild zu platzieren, der die Komposition vervollständigt oder überhaupt erst möglich macht. Oft ist der Standpunkt der Figur durch die Natur selbst vorgegeben, etwa der Gipfel eines Berges oder ein markanter Fels in der Landschaft. Man hat also entweder die Möglichkeit, die Komposition um die Person herum aufzubauen, oder eine auch ohne Mensch funktionierende Komposition durch das Einbeziehen eines solchen noch interessanter zu gestalten.
Als Aufnahmetechnik bietet sich dabei, wenn man alleine unterwegs ist und niemand anderes den Model-Job übernehmen kann, der Selbstauslöser bzw. die Intervallfunktion der Kamera an. Besonders, wenn es erst etwas Zeit benötigt, bis man seinen auserkorenen Standpunkt im Bild erreicht hat, ist der Intervall-Timer im Vorteil. Einfach eine Sekunde Abstand zwischen den Aufnahmen einstellen und die Kamera im Serienbildmodus so lange laufen lassen, bis man wieder zurück ist. Auch eine Drohne ermöglicht es natürlich, sich selbst effektiv in Szene zu setzen.
Aber auch zufällig auftauchende andere Personen, z.B. Tourist:innen und Wanderer, können genutzt werden, um die eigene Aufnahme noch interessanter zu machen. So machte sich zum Beispiel eine Gruppe an Menschen rein zufällig selbst zum wirkungsvollen Bestandteil meiner Aufnahme einer Berglandschaft auf Madeira, als sie genau im richtigen Moment, als die Wolken den dahinterliegenden Gipfel teilweise umhüllten, ins Bild trat. Dabei spielt der Zufall allerdings eine größere Rolle als bei gut planbaren „Selbstportraits“ oder gemeinsamen Fototouren mit anderen Leuten, die potenziell Modell stehen können.
Auch in abstrakten Bildern, die nicht die gesamte Landschaft zeigen und es daher manchmal schwierig ist, als Betrachter:in die Dimensionen korrekt einzuschätzen, kann eine Person Licht ins Dunkel bringen.
So stärkst du deinen Bildaufbau in der Nachbearbeitung
Auch nachdem die Aufnahmen bereits komponiert worden und „im Kasten“ sind, bietet sich durch die digitale Bildbearbeitung die Möglichkeit, der Bildgestaltung den letzten Feinschliff zu verpassen und die Wirkung nochmal zu verstärken. Die natürlichste Art und Weise dies zu tun, ist die Arbeit mit Helligkeit und Dunkelheit. Das menschliche Auge nimmt zuerst die hellsten Bereiche in einem Foto wahr, erst dann werden Details in den Schatten ausgemacht. Möchte man also etwas betonen, gelingt dies durch Aufhellen der betreffenden Bildstellen, selbstverständlich in einem realistischen Rahmen. Andererseits kann das Abdunkeln gewisser Parts dazu beitragen, den Fokus davon wegzulenken. Durch Masken, Radialfilter und/oder weitere Ebenen, die mit dem Pinsel und der Dodging/Burning Technik bearbeitet werden, lässt sich effizient Helligkeit und Dunkelheit, aber auch Farbe hinzufügen. So können z.B. Führungslinien betont werden. Auch durch den Einsatz von Vignetten, also die Abdunkelung zu den Bildrändern hin, lässt sich der Fokus gezielt auf das Zentrum lenken und es kann Tiefe geschaffen werden.Der Einsatz des Farbrades (unter Verwendung von z.B. kühlen Blautönen für die Schatten und warmen Orangetönen für die Lichter) kann durch Komplementärkontraste und ausbalancierte Farben ebenfalls für mehr Tiefe im Bild sorgen. Durch das Crop-Tool bzw. das Zuschneiden des Bildes kann beispielsweise aus einem langweilig in der Mitte liegenden Horizont noch eine dynamischere Zweidrittelaufteilung werden, oder die Person im Bild wird weiter an den Rand platziert, sodass die Blickrichtung der Person weiter ins Bild hineinreichen kann. Führungslinien könnte man durch gezieltes Zuschneiden besser aus den Bildecken heraus ins Zentrum leiten, ebenso ließe sich bei Spiegelungen perfekte Symmetrie herstellen … Möglichkeiten gibt es also viele, wie die Bildgestaltung noch weiter betont werden kann.
Die Führungslinien wurden durch Aufhellen mit dem Pinsel deutlicher sichtbar gemacht, sodass der Effekt der Blickführung nun nochmals stärker ist.
Auf einen Blick
Spannende und durchdachte Bildkompositionen helfen, das Interesse des Betrachtenden zu wecken und die verschiedenen Elemente in einem Landschaftsbild harmonisch anzuordnen. Oft ist es ratsam, das Stativ erstmal beiseite zu lassen, um flexibler und unabhängiger interessante Blickwinkel auszukundschaften. Gute Kompositionen erzeugen Tiefe im Bild und lenken den Blick geschickt hin zum zentralen Motiv. Drei Ideen für einen besseren Bildaufbau sind die Verwendung von Führungslinien, die Schaffung eines natürlichen Rahmens um das Hauptmotiv herum und der Einbau von Identifikationsfiguren für ein besseres Verständnis von Größenverhältnissen sowie zur Herstellung einer emotionalen Verbindung zum Betrachtenden. Durch ein paar Tricks in der Bildbearbeitung lässt sich die Wirkung von Gestaltungselementen wie Leading Lines nochmals verbessern.
Und nun viel Spaß beim Kreativwerden!