Moschusochsen in Norwegen
Florian Warnecke
01.03.2026 - vor 2 Wochen
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Der französische Maler und Grafiker Henri de Toulouse-Lautrec sagte einst: "Der Herbst ist der Frühling des Winters." Und so, wie sich der Herbst in Norwegen auf seinem Höhepunkt während meiner Reise ins Dovrefjell präsentierte, ist diese Aussage völlig zutreffend. Weiße Flechtenteppiche, feuerrote Beerensträucher, gelb leuchtende Birkenwälder, verschneite Berge und ein weiß blauer Himmel ließen das Fotografenherz höher schlagen.
Auf diese Bedingungen haben meine Fotokollegen und ich gehofft, da wir zu einem ganz bestimmten Zweck nach Norwegen gereist sind. Die herbstlichen Farben und die atemberaubende Landschaft sollen den perfekten Rahmen bilden für unser eigentliches Motiv. Es dauert auch nicht lange bis die Hauptprotagonisten auf den Plan treten, haarige Kolosse, die wie ein Relikt aus der Urzeit erscheinen und uns sofort in ihren Bann ziehen. Begleitet mich bei meinem Besuch im Reich der Moschusochsen.
Von Ziegen, die wie Rinder aussehen
Wie eingangs erwähnt, besuchen wir Norwegen, um zum ersten Mal Moschusochsen in freier Wildbahn zu sehen und natürlich auch zu fotografieren. Moschusochse, der Name lässt einen fälschlicher Weise annehmen, dass es sich hierbei um ein Rind handelt. Dem ist aber nicht so, diese urtümlichen Riesen sind die größte lebende Ziegenart. Mit einer Schulterhöhe von bis zu 1,50 Metern können die Tiere bis zu 400 kg auf die Waage bringen.
Sie bewohnen die arktischen Tundren, ursprünglich in Grönland, Kanada und Alaska. In Sibirien und Norwegen wurden nach dem zweiten Weltkrieg wieder einige Tiere erfolgreich angesiedelt. In Norwegen ist dies schon der zweite Wiederansiedlungsversuch, leider wurden die Tiere beim ersten Wiederansiedlungsversuch, durch die Jagd während des zweiten Weltkrieges, zur Gänze ausgerottet. Heute leben weltweit ca. 145.000 Individuen.
Im Energiesparmodus bewegen sich die Ochsen beim Fressen durch die Tundra um keine wertvollen Energiereserven für den Winter zu verlieren. Dabei wirken die Tiere eher gemächlich und unbeweglich. Kommt es aber darauf an, sich oder die Familie zu verteidigen oder Nebenbuhler zu vertreiben, können sie auf beachtliche 60 km/h beschleunigen. Zudem tragen beide Geschlechter ernstzunehmende Waffen auf dem Kopf. Die bullige Statur und die spitzen, geschwungenen Hörner fordern einem den nötigen Respekt zweifellos ab.
Um die Tiere nicht zu erschrecken oder ungewollt Opfer eines Angriffs zu werden, sollte man sich den Tieren immer zu erkennen geben und sie wissen lassen, dass man vor Ort ist. Verstecken ist hier die schlechteste Wahl.
Echte Dickschädel
Bei den weiblichen Tieren sind die Hornplatten nicht so stark ausgeprägt wie bei den männlichen Tieren. Die Hornplatten der Männchen wachsen über die Jahre an der Stirn zusammen und bilden einen dicken Wulst, welcher im Kampf als Ramm- bzw. Prellbock dient. Prallen die Bullen in vollem Lauf aufeinander kann man sich gut vorstellen welch enormen Kräfte dabei freigesetzt werden.
Diese Kämpfe sind auch sehr gefährlich. Gehirnerschütterungen und Traumata können ebenso auftreten wie Stichverletzungen in die Flanken. Im schlimmsten Fall führen diese Verletzungen sogar bis zum Tod. Unmittelbar sind diese Verletzungen nicht unbedingt tödlich, aber sie führen zu einer ernsten Schwächung der Tiere, die dadurch vielleicht nicht mehr in der Lage sind den nächsten Winter zu überstehen.
Bullen die als Verlierer aus den Kämpfen hervorgehen verlassen meist die Gruppe. Normalerweise gehen sie alleine auf Wanderschaft oder schließen sich zu Junggesellengruppen zusammen.
Der Platz wird knapp
Eine handvoll der zotteligen Zeitgenossen wurden in den frühen 1950er Jahren aus Grönland ins Dovrefjell gebracht. In den 1970er Jahren gründete man aus dem ehemaligen Militärgelände den Dovrefjell-Nationalpark. Über die Jahre wurde dieser jedoch zu klein für die artenreiche Tierwelt der Gegend und so erweitert man ihn 2002 auf ca. 1700 km² zum Dovrefjell-Sunndalsfjella-Nationalpark. Dieser wurde nun ein weiteres Mal auf gute 2000 km² vergrößert.
Heutzutage ziehen rund 300 Moschusochsen durch das Fjell leider dürfen sie den Nationalpark nicht verlassen. Da die Tiere in Norwegen nicht beheimatet sind, will man sie offensichtlich nur im Park haben. Versuchen die Ochsen aus dem Gebiet abzuwandern, werden sie wieder zurück getrieben. Nachteilig für eine solch isolierte Gruppe an Individuen ist der Mangel an neuen Genen, die in die Population kommen sollten, was in diesem Fall nur durch eine erneute Einfuhr von Tieren aus anderen Ländern möglich wäre. Ein begrenzter Genpool führt zu einer starken Anfälligkeit für Krankheiten.
Immer warm und gut getarnt
Das lange Fell, welches aus mehreren unterschiedlichen Haararten besteht, ist ein weiteres Merkmal der Moschusochsen. Es reicht fast bis zum Boden und wärmt die Tiere im nordischen Klima. Unter den bis zu 62 cm langen Grannenhaaren tragen die Ochsen ein fünf Zentimeter langes Unterfell. Das Fell spendet aber nicht nur wohlige Wärme es tarnt die Tiere auch hervorragend in der Tundra. Helle Farbpartien am Rücken lassen die Tiere aus der Ferne betrachtet mit ihrer Umwelt verschmelzen. Man hält sie nur für einen weiteren Busch oder einen Flechtenfleck.
Besonders eindrucksvoll kommt das lange Fell erst zur Geltung, wenn die Bullen im Kampf aufeinander prallen. Krachen die Männchen zusammen schickt der Aufprall sichtbare Schockwellen durch den Pelz. Ein wahrlich eindrucksvoller Moment, der die rohe Kraft der Tiere widerspiegelt. Da Moschusochsen eher an trockene Lebensräume angepasst sind, besitzt ihre Haut keine Talgdrüsen, was wiederum zur Folge hat, dass ihr Fell Wasser und Regen nicht abweisen kann.
Nasses Fell kann unter Umständen ebenso tödliche Erkältungen mit sich bringen, wie die Tatsache, dass die Tiere nicht richtig in der Lage sind zu schwitzen, d.h. sie müssen ihre Körpertemperatur über die Atmung regulieren. Zu schnelles Einatmen von kalter Luft kann für die Ochsen ebenfalls gefährlich werden. Darum muss gerade im Winter darauf geachtet werden, die Tiere nicht unnötig aufzuschrecken. Hierbei ist ein sehr umsichtiger Umgang bei eventuellen Fototouren gefragt.
Familie, wo Liebe niemals endet
Trotz all der Gewalt und Kraft haben diese eindrucksvollen Tiere auch einen weichen Kern und einen sehr ausgeprägten Familiensinn. Die Bindung zwischen Müttern und Kälbern ist besonders stark. Immer wieder konnte ich die Muttertiere dabei beobachten, wie sie nur ihr eigenes Kalb säugen. Fremde Kälber werden sofort mit einem leichten Kopfstoß darauf hingewiesen, dass sie sich an der falschen „Milchbar“ befinden.
Wird der nötige Abstand eingehalten und die Bewegungen bedächtig ausgeführt, lassen die Tiere den Beobachter an ihrem Tagesgeschehen teilhaben. Entspannt gehen sie ihren "Geschäften" nach. Es ist ein sehr erhebendes Gefühl, zu sehen, wie liebevoll die Mütter mit ihren Kälbern umgehen. Und über der ganzen Herde wacht ja schließlich noch der starke Vater. Familiengruppen, die von einem dominanten Bullen begleitet werden sind in der Regel viel entspannter als Gruppen die nur aus Weibchen und ihren Jungtieren bestehen.
Ein weiterer Kindheitstraum erfüllt sich
Unter Anleitung unseres exzellenten Guides erfüllt sich wieder einer meiner Jugendträume. Schon als Kind beeindrucken mich die imposanten Moschusochsen in diversen TV-Dokumentationen. Irgendwann will ich diese einzigartigen Tiere live erleben. Dank der erstklassigen Führung kommen wir zu wirklich eindrucksvollen Bildern und unbezahlbaren Einblicken in das Leben der Moschusochsen. Während der Tour übernachten wir in schönen, rustikalen Hütten auf einem Campingplatz. Ein Kaminfeuer sorgt für Gemütlichkeit und das selbstgekochte Essen gibt uns die nötige Flexibilität, um so lange wie möglich bei den Ochsen zu verweilen.
Natürlich sind die Ochsen nicht die einzigen Motive die uns vor die Linse kommen. Eine weitere spannende tierische Begegnung ereignet sich bei einem Besuch im nicht weit entfernten Rondane Nationalpark. Zum Sonnenaufgang befassen wir uns mit der eindrucksvollen Landschaft, gelbe Birken, rote Beerensträucher, verschneite Berge, ein weißblauer Himmel und das Licht der aufgehenden Sonne, was will man mehr? Auf dem Rückweg halten wir im Wald, da ein Tipp von einem Einheimischen vermuten ließ, dass hier ein „verrückter“ Auerhahn seine Herbstbalz vollführt.
Es dauert auch nicht lange und ich kann das Tier im Wald ausmachen. Der mit Testosteron gefüllte „Gockel“ lässt uns fünf Fotografen nahe heran kommen, bis es dann ein kleiner Schritt zu viel ist!!! Der Auerhahn startet plötzlich eine Flugattacke auf einen meiner Kollegen. Aufgrund dieses Angriffs zeigt sich, dass Auerhähne nicht sehr gut auf Nikon-Fotografen zu sprechen sind, da wir vier Canon-Fotografen völlig unbehelligt bleiben. Dieser Tag bleibt uns allen vermutlich ein Leben lang in Erinnerung und verhilft uns immer wieder zu einem herzhaften Lachen. Natürlich geht der Auerhahn als Sieger vom Platz.
Habt Ihr auch Lust?
Norwegen legt sich für uns wirklich ins Zeug in einer Woche, in der wir jeden Tag unsere Speicherkarten füllen. Nicht im Entferntesten hätte ich es mir so schön vorgestellt, es ist einfach nur überwältigend. Solltet Ihr Lust bekommen haben, die Tiere einmal gemeinsam mit mir im Herbst zu besuchen, dann schaut doch mal in unser/mein Touren-Programm, dort findet Ihre die Reise zu den Moschusochsen im September. Während dieser tollen Reise besuchen wir natürlich auch wieder den landschaftlich sehr attraktiven Rondane Nationalpark, die neugierigen Unglückshähre und mit etwas Glück, sehen wir auch ein paar Elche und die scheuen wilden Rentiere.
Unsere Hauptbeschäftigung werden jedoch die Wanderungen zu den Ochsen sein, mit ihnen möchten wir die meiste Zeit verbringen. Je nach Aufenthaltsort der Tiere, können diese Wanderungen länger oder kürzer ausfallen. Es würde mich sehr freuen, Euch diesen wunderschönen Flecken Erde und die außergewöhnlichen Tiere näher zu bringen und ein ganz besonderes Abenteuer gemeinsam mit Euch zu erleben.
10 Tipps für einen Besuch im Dovrefjell
Tipp 1: Den Tieren zeigen, dass man anwesend ist. Nicht verstecken!
Tipp 2: Keinen Druck auf die Tiere ausüben und sie zur Flucht oder zum Angriff zwingen!
Tipp 3: Das Wohl der Tiere kommt immer zuerst, Respekt zeigen, Abstand wahren und langsam bewegen.
Tipp 4: Niedriger Kamerastandpunkt für Bokeh-Bilder.
Tipp 5: Lichtsituation erkennen und für High oder Low Key Bilder nutzen.
Tipp 6: Nach Möglichkeit bis zum letzten Licht bleiben.
Tipp 7: Die Tiere nie unterschätzen.
Tipp 8: Mit ausgebildetem Guide auf Tour gehen.
Tipp 9: Verschiedene Fotomöglichkeiten nutzen: Portraits, die Tiere im Lebensraum und das Sozialverhalten.
Tipp 10: Genießen und die Tiere und die Szenerie mit eigenen Augen auf sich wirken lassen. Nicht nur durch den Sucher schauen.